Erfahrungsberichte unserer Teilnehmer...

Aus der rumänischen Tötungsstation ins Klassenzimmer - ein Straßenhund macht Karriere in der Schule (06/2020)

 Bounty's Frauchen berichtet:

"Es muss nicht immer ein Zuchthund sein - auch ein „Second-Hand-Hund“ von der Straße kann zum Schulhund ausgebildet werden. Für mich war bereits von Anfang an klar, dass die Anschaffung eines Hundes nur dann in Frage kommt, wenn dieser eine sinnvolle Aufgabe bekommt und professionell ausgebildet wird. Da lag die Ausbildung zum Schulhund natürlich nah und ich bin unglaublich froh und dankbar, in Anja die perfekte Begleitung für dieses Projekt gefunden zu haben.

 

Nach vielen Überlegungen und längerer Suche in örtlichen Tierheimen, stieß ich im Internet auf ein Foto mit der Überschrift: Freundlicher Bounty sucht ein Körbchen. Es war die sprichwörtliche „Liebe auf den ersten Blick“. Ein erster Besuch auf der Pflegestelle ergab sehr schnell, dass es zwischen uns richtig gut passen könnte.

Nachdem einer Vorkontrolle durch den vermittelnden Verein, SOS-Schnauzerfamilie e.V., um sich vor Ort zu vergewissern, dass der Hund ein vernünftiges Zuhause bekommt, durfte Bounty Ende Juli 2019 bei uns zuhause einziehen. Seitdem bereichert er unser Leben und hat sich als absoluter Glücksfall erwiesen.

 

Bereits wenige Wochen nach seiner Ankunft bei uns, legten wir zusammen bei Anja mit der Ausbildung zum Schulbegleithund-Team los und konnten diese innerhalb von knapp 11 Monaten erfolgreich abschließen. Während dieser Zeit haben wir intensiv miteinander trainiert - das hat unsere Bindung und das gegenseitige Vertrauen ineinander sehr gestärkt.

 

Bounty war auch während der gesamten Ausbildungszeit regelmäßig in der Schule mit dabei. Es hat mich sehr fasziniert zu beobachten, wie unser „Kampfschmuser“ gerade auch auf Kinder zuging, die eigentlich bisher eher ängstlich waren. Mit seiner freundlichen Art wickelt Bounty so ziemlich jeden um die Pfote und Kinder waren von Anfang an sein Ein und Alles.

 

Dazu kommt, dass Bounty so ziemlich die perfekte Mischung aus „schlau“ und „unglaublich verfressen“ darstellt. Wahrscheinlich war genau das der Hauptgrund, warum er sich auf der Straße so gut durchschlagen konnte. Wir hatten während des Trainings bei Anja viele Momente, wo wir nur noch den Kopf schütteln konnten, weil Bounty uns mal wieder deutlich zeigte, dass er seine ganz eigene Meinung zu einer Übung hat. Hatte er gerade keine Lust, legte er lieber ein Schläfchen in der Sonne ein und ließ uns stehen - Kommandos überhörte er dann oder zeigte uns durch wiederholtes Gähnen (auch gerne mal laut), was er von unseren Ideen hielt.

 

Natürlich gab es im Vorfeld auch ernstere Bedenken: Geht so etwas mit einem Straßenhund überhaupt? Niemand weiß genau, was er in seinen ersten 1,5 Lebensjahren bereits alles erlebt hat. Sicher ist, dass der crémefarbene Mischlingsrüde sehr jung aus einer Tötungsstation frei kam und dann in einem rumänischen Shelter lebte. Über den Verein „SOS-Schnauzerfamilie e.V.“ reiste Bounty im Juli 2019 nach Deutschland ein, wo er zunächst auf einer Pflegestelle untergebracht wurde. Das war das allerbeste, was ihm, aber auch uns als Anfängern passieren konnte. Durch die große Erfahrung seines Pflege-Herrchens - gerade mit Angsthunden - konnte Bounty dort erstmal in Ruhe „ankommen“ und liebevoll und ganz behutsam an sein neues Leben, weg von Shelter-Luft, herangeführt werden. Ein richtiges Zuhause zu haben, stubenrein werden, an der Leine gehen - das alles musste erstmal erfahren und gelernt werden. Diese ersten Wochen, die Bounty auf seiner Pflegestelle verbringen durfte, waren der perfekte Grundstein für einen guten Start bei uns in der Familie und ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich bin. Wir stehen sowohl mit der Pflegestelle, als auch mit dem Verein SOS-Schnauzerfamilie e.V. weiterhin regelmäßig in Kontakt und alle verfolgen begeistert Bounty’s Werdegang.

 

Zu Beginn gab es allerdings tatsächlich auch ein paar ernste Hindernisse - zum Beispiel eine panische Angst vor Treppen. Ich bin in den Sommerferien ganz oft mit Bounty zum Üben in die Schule gefahren. Mit viel Geduld, liebevollem Zureden und natürlich den ganz besonders begehrten Leckerlis haben wir uns dann Stufe um Stufe kreuz und quer durch das Schulhaus vorgetastet. Das war richtig harte Arbeit. Hinterher waren wir beide jedesmal völlig erschöpft.

 

Mittlerweile hat Bounty schon ganz viel dazugelernt. Er kann würfeln, verschiedene Signalknöpfe mit der Schnauze oder mit den Pfoten bedienen, er bringt auf Zuruf Gegenstände zu Kindern oder holt etwas ab, er kann Karten ziehen, die dann zum Schreiben oder Rechnen benutzt werden können. Auch als Lesepate wird er bereits zeitweise eingesetzt. Die beruhigende und ausgleichende Wirkung, die alleine seine Anwesenheit auf die Kinder hat, ist immer wieder beeindruckend. Ein ausführliches Konzept mit vielen weiterführenden Informationen rund um das Thema Schulhund und Tiergestützte Pädagogik ist nachzulesen auf der Homepage der Grundschule Aach www.schule-aach.de unter der Rubrik „Schulhund“.

 

Danke Anja, dass du von Anfang an an uns geglaubt hast, für deine tolle Begleitung und deine unerschütterliche Ruhe, wenn’s gerade mal wieder nicht so lief. Was auch immer gerade das Problem war - deine Tipps waren immer gut umzusetzen und du hast bei mir das Bewusstsein geweckt, dass es fast immer einer Änderung des eigenen Verhaltens bedarf, wenn sich am Verhalten des Hundes etwas ändern soll."

 


"Das lernt der NIE!" (02/2019)

Ein Ridgeback als Schulhund... auf so eine Idee muss man erst mal kommen. 

 

Sieht man Carlos mit seinen 70cm Schulterhöhe im Kindergarten, können einem schon Zweifel kommen, ob so ein Hund, der auf direkter Gesichts-Schleck-Höhe der Kinder ist Schulhund werden sollte. Schaut man jedoch für zwei Minuten zu, wie gelassen und herzlich Kinder und Hund miteinander umgehen, kann man mit Sicherheit sagen: „Anja hat hier Glanz Arbeit geleistet.“ 

Klar, das ruhige Wesen, man könnte es auch als Faulheit bezeichnen, hat mein Hund sicher schon mitgebracht. Das ist eine tolle Voraussetzung für einen Schulhund. Seine Sturheit allerdings nicht.  

Als ich „Hundekennern“ von meinem Vorhaben erzählt habe, meinen Rhodesian Ridgeback als Schulbegleithund ausbilden zu lassen, blickte ich in ziemlich hämische Gesichter.  

„Ein Ridgeback kann ja nicht mal apportieren. Das lernt so ein Hund auch niemals.“

 

Ok, ja...  ich gebe es zu, wenn man Carlos um ein „Sitz“ bittet, kann das schon eine Weile dauern bis er sich dazu herablässt. Ein „Bring“ bedeutet für Carlos: schnapp dir das Ding und hau so schnell es geht ab. Trotzdem beschloss ich, mich bei Vitacanis für eine Schulbegleithund-Ausbildung anzumelden, auch wenn ich wenig Hoffnung hatte, dass mein Hund überhaupt auch nur die Aufnahmeprüfung besteht. 

 

Mit etwas zittrigen Beinen kam ich am Hunde-Übungsplatz an und lies Carlos aus dem Kofferraum springen. Nach ein paar prüfenden Blicken und einigen Tests, um sein Wesen einschätzen zu können, sagte Anja: „Klar kann der Schulhund werden.“ Ich dachte: Zum Glück kann ich hier eine Pauschale buchen, das wird sicher in zahllosen Trainings-Stunden enden. Ich kann schon vorwegnehmen: ja, es gab viele Übungseinheiten, diese haben aber Carlos und mir sehr viel Freude bereitet. 

 

Mein Ziel war eigentlich nur, dass mein Hund mit in den Unterricht kommen kann und lernt ruhig an seinem Platz zu liegen aber Anja war zuversichtlich, dass Carlos mehr draufhat als nur das. So fingen wir gleich mit dem Apportier-Training an. Zunächst fand Carlos das echt doof und ich hatte Mühe meine Nerven nicht zu verlieren. Aber Anja blieb immer cool. Ich hatte hin und wieder Zweifel und raufte mir die Haare, wenn Carlos wieder einfach nur in die Gegend starrte und mich ignorierte. Mit der Schleppleine haben wir „Hund geangelt“ und Anja hat mir mehr als einmal versichert, dass mein Hund nicht beschränkt lernfähig ist, sondern, dass ich einfach mehr Schliff im Timing brauche und zu ungeduldig bin.  

 

Ich hatte schon viele Videos angeschaut wie man Hunden verschiedene Sachen beibringt aber bei mir lief das nicht so reibungslos ab wie im Film. Ein Hunde Trainer trainiert im Grunde nicht den Hund sondern korrigiert den Mensch im Prozess des Beibringens. Anja hat mir gezeigt wie ich mich verhalten muss und mir den richtigen Zeitpunkt für ein Lob oder auch eine Pause angegeben. Das kann ein Video eben nicht. Die Hunde-Schule hat mir viel über das „Lernen an sich“ beigebracht. Übrigens auch für das Lernen mit Kindern in der Schule, das ich als Lehrerin jetzt noch einmal mit ganz anderen Augen sehe. 

 

Mittlerweile kann dieser „schwer erziehbare“, „lernschwache“ Ridgeback nicht nur jegliche Gegenstände bringen, er kann sie sogar aufräumen und auch zu verschiedenen Kindern befördern oder vom Boden aufheben und jemanden auf den Schoss legen. 

Er macht Türen zu, würfelt, trägt Körbchen durch das Schulzimmer und kann mit seiner Pfote einen Buzzer drücken oder auch das Licht an und aus schalten.

 

Ja, wir hatten unsere Durchhänger auf dem Übungsplatz, zum Beispiel als Carlos sich mitten in den Übungen einfach auf seinen Platz zum Schlafen gelegt hat. Oder als er lieber Fliegen fangen wollte als sich auf seine Sache zu konzentrieren, aber Schlussendlich haben wir sehr viel gelacht und sehr viel gelernt. 

 

Vielen Dank Anja, für die liebevolle und kompetente Ausbildung meines Sturkopfs. Und auch des Sturkopfes meines Hundes ☺ 


Impressionen: Schulhund "Pluto" (Sommer 2018)